Margarethe Maierhofer-Lischka

Nachtahn

Traditionellerweise erzählen Sagen und Märchen etwas über einen Ort, seine Natur und seine Besonderheiten. “Nachtahn” greift diese Tradition auf und setzt sie als Klanginstallation fort... Mehr lesen

Bitte mit Kopfhörer zuhören

Zur Klanginstallation

Traditionellerweise erzählen Sagen und Märchen etwas über einen Ort, seine Natur und seine Besonderheiten. “Nachtahn” greift diese Tradition auf und setzt sie als Klanginstallation fort, in der Storytelling Teil eines interaktiven Klangraums wird. Die Geräusche der Umgebung und die Aktivitäten der Menschen beeinflussen die Dichte der Stimm- und Klangerscheinungen. In Fragmenten wird die Sage vom Nachahn erzählt, einer weiblichen Sagengestalt aus der Leibnitzer Gegend. Der Legende nach erscheint das Nachtahn nachts und wäscht die Kleider der Menschen. Sie kann selbst nicht sprechen, aber Geräusche verraten ihre Anwesenheit. Eine Frau, die ungesehen die Sorgearbeit für die Gesellschaft verrichtet, dieses Thema erscheint unvermittelt aktuell. Diese Klanginstallation lädt dazu ein, stehen zu bleiben und zuzuhören, um sich für einen Augenblick auf das einzulassen, was sonst oft ungesehen, ungehört bleibt. (Text: Margarethe Maierhofer-Lischka)

DAS NACHTAHN

In den sagenreichen Gegenden des Leibnitzer Feldes, in den Tälern der Sulm, Laßnitz und Kainach spukt ein Nachtgeist, das Nachtahnl, auch Waschfrau oder Nachtfrau genannt. Liebenswürdig von Gestalt, hat das Nachtahnl eine glatte, glänzende Hautfarbe und ein sehr schönes Haar, das fast bis zu den Knien hinabreicht. Aber nicht jedem erscheint es in seiner schönen Gestalt; im Gegenteile, es soll für den Spötter, je mehr es sich ihm nähert, immer größer werden und als wahre Schreckensgestalt Furcht einflößen.

Das Nachtahnl hält sich gerne an Quellen, Teichen, insbesondere in sumpfigen Gründen und Lahnen auf. Hier, wie auch bei Tränken und Waschstellen, erscheint diese Gestalt häufig zur Nachtzeit, reinigt die Wäsche der schmutzig Begrabenen und trocknet selbe im falben Mondlichte. Schon viele Leute wollen sie gesehen haben, wie sie, angetan mit einem weißen Kleide, die Dienste einer Wäscherin verrichtete. Wer sie stört, oder dem sie auf der Wanderung begegnet, den verscheucht sie, oder aber läßt ihn nicht mehr von der Stelle und nötigt ihn zu ihrem Dienste. Wo das Nachtahnl an einer Waschstelle etwas findet, das leichtsinnige Wäscherinnen vergessen haben, dort nimmt es dasselbe mit und wehe der Vergeßlichen, wenn diese ihm unterkommt; das Nachtahnl läßt es sie entgelten und schlägt sie arg mit dem gefundenen Gegenstande. Auch soll man es sich nie einfallen lassen, das Nachtahnl zu spotten oder zu äffen, ja nicht einmal ansprechen darf man dasselbe, da es solche Verwegenheit stets strenge ahndet. Schon mancher, der solches zu tun gewagt, erhielt vom Nachtahnl eine derbe Ohrfeige, daß die Funken vom Gesichte flogen und alle, welche die Wucht seiner Hand gefühlt hatten, behaupten, das Nachtahnl habe eine eiserne Hand.

Zuweilen wird das Nachtahnl mit einem Kinde gesehen. Einmal traf ein Knecht die Spukgestalt an einem Zaune sitzend; sie hatte ein Kind auf dem Schoße und speiste dieses aus einer Schale. Als das Nachtahnl des Knechtes ansichtig wurde, stellte es sich ihm in den Weg und verjagte ihn.

Einst weideten zwei Knaben mehrere Stücke Vieh auf einer Wiese. Es war schon ganz dunkel, als sie die Tiere heimwärts trieben. Da erblickten sie bei einem Wiesenraine abseits von der Straße eine seltsame Frauengestalt in lichtem Gewande. Die Knaben glaubten, dieselbe wolle sie beide schrecken, und beschlossen, sie dafür zu prügeln. Aber, als sie auf die Gestalt zugingen, wurde diese immer größer und nun erkannten die beiden Knaben, daß es das Nachtahnl sei. Dieses hatte ein schneeweißes Kleid an und seine Hände waren ebenfalls blendend weiß. “Es ist das Nachtahnl, hat aber keinen Waschbläuer,” rief einer der beiden Knaben und da ihnen all die Lust vergangen war, auf die Gestalt weiter einzudringen, so nahmen sie reißaus. Als sie dann endlich einmal zurückschauten, bemerkten sie, wie die Gestalt immer kleiner wurde und zuletzt ganz verschwand.

Ein andermal erschien das Nachtahnl einigen jungen Nachtschwärmern. Gesicht und Hände waren ganz weiß, auch hatte es ein weißes Kleid an und auf dem Kopfe eine große Flughaube, wie solche vor Zeiten die Frauen getragen haben. Als die Burschen der Gestalt, welche auf sie zuschritt und immer größer wurde, ansichtig wurden, gaben sie eilig Fersengeld und flüchteten sich in eine nahehegende Keusche, rissen rasch die Tür auf und schlugen sie dann hinter sich zu. Und das war ihr Glück, denn das Nachtahnl war den Burschen schon ganz nahe gewesen und hätte sie gewiß mit seiner eisernen Hand recht tüchtig durchgebleut, wenn sie nicht rechtzeitig noch im Hause Schutz gefunden hätten.

In Gabersdorf wurde das Nachtahnl sehr häufig gesehen. Einmal befand sich der Besitzer einer Wirtschaft in dieser Gemeinde allein zu Hause. Frau, Kinder und Gesinde hatten sich gegen Abend zur Mühle begeben, um behufs Ölgewinnung Kürbiskerne auszuschlagen. Dem Hausvater wurde es langweilig und da es ohnedies schon spät war, so legte er sich zu Bette und schlief ein. Gegen Mitternacht wurde er durch ein seltsames Knistern und Krachen, welches aus der Küche zu kommen schien, geweckt. Da er das Haustor von innen verriegelt hatte, so schien es ihm ganz und gar unmöglich, daß es jemandem gelungen sein könnte, ins Haus hineinzukommen. Er stand deshalb auf, kleidete sich an und begab sich in die Küche, um nach dem nächtlichen Ruhestörer zu sehen. Aber wie erschrak der gute Mann, als er beim Herde ein Nachtahnl sitzen sah, das eben sein schönes, blondes, fast bis an die Knie reichendes Haar kämmte, während auf dem Herde über dem Feuer ein gefüllter Kessel stand. Kaum hatte der Hausvater die gespenstige Gestalt erblickt, als er sich schnell ins Zimmer zurückbegab und vor Schrecken sich nicht mehr zu schlafen getraute. Als dann endlich der Tag anbrach, ging er wieder in die Küche, um nachzusehen, welche Unordnung das Nachtahnl angestellt hatte. Aber seltsamerweise war alles in bester Ordnung; der Herd war ganz kalt, der Kessel blank und auch die Holzscheiter lagen regelrecht aufgeschichtet, wie dies abends zuvor geschehen. Kurz und gut, nichts deutete darauf hin, daß das Nachtahnl hier gewesen sei und gewirtschaftet habe.
Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911

Idee und Arbeitsprozess

In meinen Arbeiten verwende ich oft gefundenes Material - das können Klangaufnahmen von einem Ort sein, zufällig gefundene Bilder oder Objekte die etwas über einen Ort, die Umwelt und seine Bewohner:innen aussagen. Durch verschiedene Verfahren werden Bedeutungsfacetten aus diesem Material herausgeholt und Zusammenhänge erzählt, die vorher nicht erkennbar waren. Im Austausch mit der Umgebung entsteht so etwas Neues. Das Hören auf Sprache und Stimmen faszinieren mich schon lange und spielen oft eine Rolle als Inspiration für meine Arbeiten. Am Umgang mit algorithmischen Verfahren interessiert mich der Spielraum zwischen Determination und Freiheit - nicht alles, was sich ereignet, ist vorab voraussehbar, und die jeweils verwendete Hard- und Software beeinflusst mit ihren Qualitäten die entstehende Arbeit.

Das Ausgangsmaterial für diese Installation sind Sprachaufnahmen, die Teile der Geschichte enthalten. Die Agenten hören in die Umgebung hinein. Abhängig von der akustischen Aktivität wird eine Klanglandschaft generiert, in der mehr oder weniger Ausschnitte der Geschichte hörbar werden. Neben den Sprachausschnitten gibt es zwei weitere Komponenten, die sich nochmals anders in die Umgebung einfügen: eine Klangquelle verarbeitet interaktiv einzelne Sprachausschnitte, sodass sie ähnlich wie Naturgeräusche (Insekten, Tiere) klingen. Eine zweite Klangquelle nimmt alle erklingenden Ereignisse (Geräusche und Stimmen) auf und erzeugt ein Feedbackloop, das ähnlich wie eine Äolsharfe tönt. So tritt akustisch die menschliche Sprache in Kontakt mit Umwelt und Natur, es entsteht eine klangliche Ganzheit die manchmal sich völlig einbettet in die Umwelt, manchmal subtil heraustritt.

Technische Konzeption

Das technische Setup der Agenten ist sehr reduziert und lässt komplexere, rechen- und ressourcenaufwendigere Prozesse nicht zu. Daher habe ich meine anfängliche Überlegung, verschiedene technische Verfahren (Klangaufnahme, -synthese und Soundstreaming) miteinander interagieren zu lassen, schnell verworfen. Schlussendlich entstand die technische Umsetzung meiner Installation in Auseinandersetzung mit den Hardware- und Softwarevorgaben des Projekts durch einen Prozess des Probierens, Zuhörens, Verwerfens und Anpassens. Die Software für die Installation selbst besteht aus fünf relativ einfach gehaltenen Patches, die ich im Laufe der Erarbeitung und Umsetzung vielfach verändert habe. Auch wenn die Patches an sich autonom auf den Agenten laufen, ist der Austausch zwischen dem Mensch (der programmiert, hört und korrigiert), der Hardware und den Algorithmen auf der Maschine so ein wesentlicher Teil des Arbeitsprozesses.

Patches und Konfiguration

Die Installation ist in Supercollider programmiert und besteht im Wesentlichen aus zwei verschiedenen Patches, die in sich jeweils noch verschiedene Varianten aufweisen. Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Ausgangsmaterialien, die miteinander in Bezug treten: die Sprachsamples und Aufnahmen aus der Umgebung. Beide werden Teil eines ökologischen Prozesses, d.h. sie werden in Reaktion auf die Umgebungsklänge zeitlich und klanglich verändert und beeinflussen sich im Laufe der Zeit wiederum gegenseitig.

Patch Typ 1 besteht aus einem Sample-PLayer, dessen Abspielparameter (Geschwindigkeit, Tonhöhe, Ein- und Ausblenden des Samples, Länge des zu hörenden Samples) durch einen Live-Input kontrolliert werden. Der Patch “hört” ständig in die Umgebung hinein und reagiert darauf mit eigenen Aktionen, die durch eine Art kontrollierbaren Zufallsgenerator gesteuert werden. Dieser Patch läuft auf vier der fünf Agenten. In drei Agenten ist eine Version enthalten, deren Parameter eher verständliche Sprachausschnitte erklingen lassen. Auf dem vierten Agenten ist der Patch so konfiguriert, dass das Ausgangsmaterial nicht mehr als Sprache erkennbar ist, sondern ähnlich wie Inseketen- und Tiergeräusche klingt. Diese Klanglichkeit habe ich durch das Ausprobieren und draußen Testen der Patches entdeckt und in die Arbeit integriert. Die Geräusche sind als etwas Stimmliches erkennbar, haben aber keine menschliche Stimmqualität mehr.

Patch Typ 2 arbeitet mit dem Live-Mikrofoninput, der durch Filterung und Zuspielung Teil einer Feedbackschleife wird. Je nach Intensität der Klangumgebung sind manchmal fast erkennbare Klangfetzen hörbar, manchmal entstehen Klangflächen die eher an eine Äolsharfe erinnern. Feedback ist ein fragiles Phänomen, das stark vom jeweiligen Ort und von der Hardware bestimmt wird. Dieser Patch ist quasi das fragilste “ökologische” Element der Installation, weil man ihn an jedem Ort neu konfigurieren muss, um ein Klangergebnis zu erhalten, das zur Umgebung und zur Installation insgesamt passt.

Die Patches stellen ein Framework zur Verfügung, mit dem sich durch Ausprobieren, Hören und Spielen unterschiedliche Klanglandschaften erzeugen lassen.

Link zum GitLab Repository

Code herunterladen: https://gitlab.mur.at/pirro/klangnetze/-/tree/main/nachtahn